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Du arbeitest doch beim Rechtsanwalt?
Ja, ja selbstverständlich mag ich meinen Beruf. Dessen ungeachtet habe ich gegen das Wochenende auch nichts einzuwenden. Dabei mag ich den Sonntag noch lieber als den Samstag, denn Samstag bin ich oft mit den Dingen beschäftigt (waschen, bügeln, putzen, einkaufen – schlicht ergreifend der ganz normale Wahnsinn), den ich unter der Woche oft nicht schaffe.
Sonntags ist es bei uns ein festes Ritual, dass wir sehr ausgiebig gemeinsam frühstücken. Es gibt Omelette, Obstsalat, Quarkspeise, diverse Sorten Fisch, Wurst, Käse, Marmeladen (selbst fabrizierte) frischen Saft, Milchkaffee, verschiedene Teesorten und frische Brötchen. Dem schließt sich eine je nach Jahreszeit eine sportliche Betätigung an (Schlittschuhlaufen, Inline Skaten, kilometerweite Spaziergänge, raus zum Badesee oder ins Schwimmbad, eine schöne Fahrradtour ….).
Sonntags halte ich mich zum größten Teil in der Küche auf und backe und bruzzele begeistert, meine Familie muss meine Creationen dann vertilgen. In meiner Küche steht ein Telefon, damit ich für die Welt auch erreichbar bin. Es ist Sonntag, 16.00 Uhr, ich backe Waffeln und das Telefon klingelt.
Mürrisch melde ich mich mit „Baumgärtel“ und hoffe, der Anrufer hat einen guten Grund mich zu stören. Mein Gesprächspartner fragt: „Spreche ich mit Nick Baumgärtel?“ (hier müssen Sie wissen, dass mein Spitzname Nick ist und kein Mensch mich mit meinen eigentlichen Vornamen anspricht). Ich bejahe diese Frage und erhalte als Antwort: „Hallo, hier ist der Frank.“ In meinem Hirn herrscht gähnende Leere, ich kenne nur einen Frank, den Sporttrainer meines Sohnes, aber dessen Stimme klingt anders. Also erwidere ich: „Ich kenne keinen Frank!“. Frank weiß es besser und belehrt mich darüber, dass er in der 10. Klasse drei Reihen vor mir gesessen hat. In meinem Hirn erscheint kein Bild, denn die 10. Klasse ist drei Jahrzehnte her und ich kann mich nur an die erinnern, mit denen ich einen engeren Kontakt hatte. Frank gehörte ganz offensichtlich nicht dazu. Aber Frank ist hartnäckig, bevor ich ihn abwürgen kann, stellt er die folgenschwere Frage: „Sag mal, Du arbeitest doch beim Rechtsanwalt, ich habe da nämlich ein Problem“. Ich frage mich, wie ein mir wildfremder Mensch auf die Idee kommen kann, dass ich mich am Sonntag für seine Probleme interessiere, aber so sind sie, die Egomanen, bevor ich auch nur Luft holen kann, legt er schon los und schildert mir in aller Ausführlichkeit sein rechtliches Problem.
Ich will Sie jetzt nicht damit langweilen, welches Problem er hatte, denn es gibt nur eine mögliche Reaktion auf diese Art von Fragen. Selbst wenn ich die Antwort, bzw. die Lösung des rechtlichen Problems singen könnte, ich weiß gar nichts, ich weiß, dafür gibt es Rechtsanwälte und Rechtsanwältinnen und er möge bitte einen zu den üblichen Bürozeiten konsultieren. Genau das und nichts anderes antworte ich Frank, denn wenn ich ihm auf sein Problem in irgendeiner Form antworte, werde ich den nie wieder los. Er wird mich zu jeder Tages und Nachtzeit mit seinem juristischen Problem behelligen, was mich nun einmal nach 18.00 Uhr, wenn ich nicht mehr im Büro bin, nicht die Bohne interessiert.
Aus Erfahrung klug geworden, empfehle ich auch nie die eigene Kanzlei, ich bin ja nicht wahnsinnig. Denn damit würde ich mir einen anstrengenden, pflegeintensiven Mandanten in die Kanzlei holen. Von diesen Mandanten habe ich bereits genug, davon brauche ich nicht noch mehr. Ich empfehle also einen Anruf bei der Spezialistenkartei, da ich nicht dafür verantwortlich sein möchte, dass Frank mit dem von mir genannten Rechtsanwalt auch zufrieden ist.
Leider lässt es sich nicht vermeiden, dass gelegentlich Familienmitglieder Mandanten in der Kanzlei werden. Das sind die Akten, die ich mit einem tiefen Seufzer unendlicher Erleichterung zur Ablage verfüge, in der Hoffnung, es mögen keine weiteren folgen.
Ihre G. Baumgärtel