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Die Baustelle

Ich wusste doch, es gibt einen Grund, warum ich Montage üblicherweise nicht leiden kann. Nicht nur, dass das Wochenende weit entfernt ist, Montage eignen sich hervorragend als Katastrophentage. Die Post erschlägt einen fast, das Telefon steht nicht still, die Fristabläufe türmen sich, aber all das ist harmlos gegen das, was mir am letzten Montag geschehen ist.
Nichts ahnend biege ich in die Straße ein, in der der Altbau mit meinem Büro steht. Schon von Ferne sehe ich, es hat sich über das Wochenende etwas getan. Das gesamte Gebäude ist umklammert von einem stählernen Gerüst, grün-graue Netze verhängen das gesamte Haus, so dass das Gebäude wie eine surreale Skulptur wirkt. Ich schaue zweimal: nein, ich irre mich nicht, das eingerüstete Haus ist das Bürohaus.
Ich lasse mich nicht schrecken und schreite tapfer voran.
Im Büro dann die üblichen Handgriffe:
- Licht an,
- Wandkalender auf das richtige Datum stellen,
- Eingangstempel justieren
- Fenster auf.
Halt, nein, das war keine gute Idee, mit dem offenen Fenster lasse ich den Baustaub herein und, was noch viel schlimmer ist, am Fenster vorbei führt eine Schuttrutsche und es rumpelt und kracht, als wenn jemand direkt neben mir die Wand aufreist.
Erinnern Sie sich an den letzten Montag? Ich ja, in Berlin war 28 Grad warm und ich hatte die Qual der Wahl: entweder stickige Luft oder Staub und Lärm.
Nach mehreren Versuchen, mit geöffnetem Fenster zu arbeiten, habe ich mich für stickige Luft entschieden, mit der Folge, dass ich zwei Stunden später Kopfschmerzen hatte, die mein Leistungsvermögen stark beeinträchtigt haben.
Nun will ich ja hier nicht die ganze Zeit jammern, aber wir haben einen Beruf, der ein hohes Maß an Konzentration erfordert. Ich saß am Bildschirm und versuchte, einen Onlinemahnbescheid auf den Weg zu bringen. Als erstes habe ich den Antragsgegner als Antragsteller eingetragen, gestört von dem Krach, dann habe ich einen falschen Zinslaufbeginn gewählt und es glücklicherweise noch gemerkt, bevor ich den Mahnbescheid online gesendet habe und meinen Chef zur Signatur gerufen habe.
Ich bleibe dabei, ReNo in jeder Form ist ein Traumberuf, aber bitte mit Sahne, das soll heißen, mit einem Mindestmaß an Ruhe, der richtigen Temperatur in den Büroräumen und funktionierenden Gehirnzellen.
Abends, als ich endlich Feierabend hatte, den ich an diesem Montag wirklich herbeigesehnt habe, fragte ich dann einen der Bauarbeiter, wie lange der Spuk denn noch dauern würde. Seine Antwort, er rechne mit einem halben Jahr, ließ mich schwer schluckend nach Hause taumeln.
Da hilft nur eins: Mach die Musik lauter! Ich werde die Musik einschalten und immer dann, wenn ich telefonieren muss, lautlos stellen, denn Ohropax sind leider nicht bürotauglich, also versuch ich es mal wieder mit Musik.
Ihre G. Baumgärtel