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Der Verrat

Die meisten von uns arbeiten in einem Büro und sind von Chefs und Kolleginnen und Kollegen umgeben. In der Regel kommen wir gut miteinander aus, einige Kolleginnen (ich lasse die männliche Form jetzt einmal unberücksichtigt, will den Herren in diesem Berufsstand damit aber nicht zu nahe treten – aber das was ich jetzt erzähle, ist bei Herren ausgeschlossen) mag man mehr, einige mag man weniger.

Und dann gibt es oft diese eine Kollegin, mit der man sich besonders gut versteht. Die Kollegin, die den Satz zu Ende sprechen kann, den man gerade angefangen hat. Die Lieblingskollegin, die mit uns zur Pause geht, die über die gleichen Witze lachen kann, die die Arbeit mag, die wir nicht leiden können und wir mögen dafür die Arbeit, die sie nicht leiden kann.

Ein kleines Beispiel:

Ich bekomme glänzende Augen, wenn Sie mir 10 Bände Akten hinlegen (alles ein Fall, der über mehrere Instanzen ging), mit Verweisungen, Zurückverweisungen, Widerklage, Aufrechnung – schlicht allem, was das Herz begehrt – und ich die Schlussrechnung machen soll. HABEN! Meine Kollegin schrumpft in den Momenten um einige Zentimeter und versteckt sich, damit diese Akten nicht sie treffen. Dafür bekomme ich Magenkrämpfe, wenn ich eine Forderungsaufstellung mit 50,00-Euro-Raten monatlich über drei Jahre noch einmal überprüfen soll – meine Kollegin aber strahlt und greift gierig nach dieser Akte. So hat jeder Topf seinen Deckel, und manchmal ist man Topf und manchmal ist man Deckel.

Dann, eines Tages, die perfekte Kollegin schwebt ins Büro, in ihrem Gesicht ein Leuchten, als wenn sie gerade Brad Pitt, George Clooney oder – für die jüngeren Kolleginnen – Robert Pattison begegnet wäre. Geheiratet hat sie schon, also was ist wohl der Grund für ihr außerordentliches Strahlen?

Wie üblich springe ich auf, um ihr einen Kaffee zu bringen. Sanft lächelnd stoppt sie mich und sagt: „Ich trinke jetzt immer Tee.” Tee? Sie? Hat sie eine Magenverstimmung? Aber das ist doch kein Grund zum Strahlen.

Liebreizend fordert sie mich auf, ich solle mich hinsetzen, sie müsse mir etwas sagen. Ich ahne nichts Gutes und werfe mich auf meinen Bürostuhl. Ich sitze noch keine Sekunde, da jubelt sie mit tiefster Inbrunst: „Ich bin schwanger!”

Mir bleibt die Luft weg, ich erstarre vor Entsetzen. Schwanger, das bedeutet: Mutterschaftsurlaub, Elternzeit – und damit lässt sie mich ganz einfach in diesem verrückten Haufen allein. Was für ein Verrat! Aber dann, dann reiße ich mich am Riemen und sage mir, wir werden auch diese Prüfung überstehen – und sage zu ihr:

„Gratuliere – und wann kommst Du wieder?”

Daraufhin lachen wir beide, weil sie weiß, wie ich es meine. Aber ich werde auf sie warten, ihr den Platz warm halten und gerne und geduldig allen Kindergeschichten lauschen. Eigentlich wollte ich ja noch eine Weile warten, bis ich Oma werde, aber nun denn, dann werde ich jetzt wohl Co-Oma, so ein Bürobaby ist doch auch ein Grund zum Feiern – und ich höre auf zu greinen, denn noch habe ich sie ja ein bisschen um mich.

Ich werde mich fühlen wie ein Topf ohne Deckel, aber vielleicht ist ihre Vertretung ja so, dass ich feststelle: Auf einen Topf passen mehrere Deckel!

Ihre G. Baumgärtel

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