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Zahnarzt

Ich bin eine Memme. Wenn es darum geht, den halbjährlichen Zahnarztbesuch zu bewältigen, stelle ich mich an, als wenn es um mein Leben geht. Für mich geht es dabei auch um mein Leben, zwar nur einen kurzen Ausschnitt, aber dieser erscheint mir endlos lange und währt – egal, wie lange er dauert – viel zu lang.

Wenn ich zum Zahnarzt muss, verknoten sich meine Fußnägel, meine Haare stehen wild zu Berge und ich beiße meine Lippen so fest zusammen, dass man diese nur mit Hammer und Meißel lösen kann.

Spätestens wenn ich die Zahnarztpraxis betrete, male ich mir die schlimmsten Szenarien aus, was mir diesmal widerfahren wird. Aus den Behandlungsräumen vermeine ich ein lautes Wimmern und das deutliche Rütteln der Bohrmaschinen zu hören.

Mir gelingt es, meine Fluchtabsicht zu unterbinden, ich setze mich brav ins Wartezimmer und lese (das einzig Erfreuliche am Zahnarzt) eine der geistreichen Zeitschriften, die da auf mich warten. Wenigstens bin ich nach einem Zahnarztbesuch immer wieder gut informiert, wer wann, mit wem, warum, was getan hat. Aber wirklich ablenken kann mich das nicht.

Mein Name wird aufgerufen. In mir ist nichts als Finsternis.

Ich lege mich im Behandlungsraum auf einen dieser Wellnessoasenstühle. Jedes Mal muss ich meine Brille abgeben und verzichte nur ungern darauf, über den Sinn dieser Maßnahme zu diskutieren. Ohne Brille bin ich so gut wie blind und absolut hilflos, aber vielleicht soll ich mich ja gerade so fühlen, wenn ich auf dem Marterpfahl (= Behandlungsstuhl) fixiert werde.

Sanft fordert mich mein Zahnarzt auf, den Mund zu öffnen, und da ich ja bedauerlicherweise erwachsen bin, füge ich mich dieser Bitte. Und schon geht es los: Lauter Apparate verschwinden in meinem Mund und mittels eines kleinen Spiegels beginnt der Zahnarzt sein Ritual. Kaum begonnen, sagt er lauter Dinge, die mich fast kollabieren lassen: Etwa: „E 5 beobachten, E 7 Resektion im mittleren Feld". Mein Körper ist angespannt wie eine aufgezogene Feder. Ein kleiner Funke würde genügen, und ich würde explodieren und in Milliarden Stücke zerspringen.

Meine Hand umklammert die Stuhllehne, mit aller Kraft klammere ich mich an dieser fest und, als der Zahnarzt mich fragt: „Wollen Sie eine Spritze?”, nuschele ich „Vollnarkose” und habe den Stuhlgriff plötzlich in der Hand. Oh weh, in meiner Angst war die Kraftentwicklung so groß, dass ich nicht bemerkt habe, dass ich dabei war, den Stuhl in seine Einzelteile zu zerlegen.

Nicht einmal einen Behandlungsaufschub habe ich damit erreichen können und befürchte nun wegen der durch mich erfolgten Sachbeschädigung die größten Gefahren für mich. Nach einer halben Stunde mit Bohren, Sauger und anderen Peinigern habe ich die Tortur hinter mir. Ich wanke völlig zerknautscht mit weichen Knien vom Stuhl in Richtung Freiheit, als mein Zahnarzt mir hinterher ruft: „War doch gar nicht so schlimm!

Nein, für ihn war das mit Sicherheit nicht so schlimm, und ich, ich bin auf dem Weg nach draußen, raus aus der Folterhöhle und dann ist alles andere egal. Bis zum nächsten Mal.

 

Ihre G. Baumgärtel

 

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