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Wo ist?

An einem strahlenden Sonnentag sitzen Sie am Vormittag im Büro, Ihr Chef oder Ihre Chefin sind noch zum Gerichtstermin und Sie genießen die friedliche Stimmung und erledigen Ihre Arbeiten. Geübt haben Sie die Fristen herausgesucht, die Gerichtsakten vorbereitet, Wiedervorlagen herausgesucht und sind schon bei der Sachbearbeitung in Ihren Akten.

Es schließt an der Tür und Ihr Chef oder Ihre Chefin (zukünftig: Ihr Chef) erscheint gut gelaunt und voller Tatendrang im Büro. Sie unterhalten sich kurz und froh gestimmt zieht sich Ihr Chef in sein Zimmer zurück, um ebenfalls mit der sachbezogenen Mandatsarbeit am Schreibtisch zu beginnen.

Es dauert keine 10 Minuten und Ihr Chef steht vor Ihnen und fragt mit zusammen gezogenen Augenbrauen: „Wo ist die Akte Schütz ./. Schulz?“. Voller Freude antworten Sie, dass sich diese Akte im Wiedervorlagenstapel auf seinem Schreibtisch befände, wo Sie diese heute früh hingelegt hätten. Ihr Chef antwortet auf diese Antwort: „Da ist die Akte nicht, da habe ich schon nachgesehen“ und macht sich auf den Weg in die Küche, um sich frischen Kaffee zu holen.

Alarmstufe rot

Sie wissen genau, dass diese Akte im Wiedervorlagenstapel liegt, und nutzen seine kurze Abwesenheit als Gelegenheit, um hastig in sein Zimmer zu schlüpfen. Sie zerren die Akte aus dem Wiedervorlagenstapel, um Sie ihm in die Hand zu drücken, als er aus der Küche mit einer Tasse Kaffee zurück kommt. Mit äußerster Willensanstrengung gelingt es Ihnen, diesen Vorgang nicht in Worte zu kleiden, während sich in Ihrem Kopf die unausgesprochenen Worte jagen.

Sie sind noch nicht dazu gekommen, sich schon wieder mit Ihren Akten zu beschäftigen, da steht Ihr Chef erneut vor Ihnen, sein Kopf ist bereits leicht rot angelaufen und fragt: „Wo ist mein Diktiergerät?“. Sie schaffen es, ihn nicht zu fragen, warum er glaubt, dass Sie das wissen könnten, sondern mit detektivischer Begabung kommen Sie im Handumdrehen auf die Idee, in der Küche zu suchen.

Et voilà, da ist das Diktiergerät. Sie überreichen zeremoniell und mit Hofknicks das Diktiergerät, lassen sich wieder an Ihrem Arbeitsplatz nieder und hoffen, dass für heute die „Wo ist?“ Krisen erledigt sind.

Ihre Hoffnungen waren vergebens. Ihr Chef steht vor Ihnen und spricht Sie auf die Quittung an (welche Quittung?), die er Ihnen letztens gegeben hat und will wissen „Wo ist die Quittung?“ Diese wird dringend benötigt, weil er die Firma, die die Quittung ausgestellt hat, dringend anrufen muss, denn es gibt noch etwas zu klären. Sie sind heroisch. Ohne mürrisch zu werden, machen Sie sich auf die Suche nach dem Verlangten und sind sich sicher, dass Ihnen zumindest heute ein langer Tag mit „Wo ist?“ bevor steht.

Irgendwann ist auch ein langer Tag vorbei, Sie haben aufgehört zu zählen, wie oft die „Wo ist?“ Frage gestellt wurde. Sie sind zu Hause, schließen die Tür auf und freuen sich, weil Ihr Partner oder Ihre Partnerin bereits im Flur stehen und auf Sie warten. Sie erwarten einen zärtlichen Willkommensgruß und sind wie vom Blitz getroffen, als anstelle von Liebesbekundungen folgende Frage an Sie gestellt wird:

“Wo ist mein Handy?“.

Spätestens jetzt wünschen Sie sich, obwohl die Sonne scheint, einen Ort, an dem Sie einfach nur noch die Decke über Ihren Kopf ziehen können. Trösten Sie sich, Sie sind nicht allein.

Ihre G. Baumgärtel

 

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