Startseite » Leitartikel » 2010 » Kolumnen » Mindesthaltbarkeitsdatum

Mindesthaltbarkeitsdatum

Beim Kauf von Lebensmitteln achtet wohl jeder darauf, welches Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) vorgegeben ist, wenn das Lebensmittel verpackt ist. Trotz bester Kühlschrankstrategien lässt es sich nicht immer vermeiden, ein Lebensmittel vorrätig zu haben, dessen MHD bereits abgelaufen ist. Was jetzt passiert, ist Geschmackssache, allerdings ist bei angebrochener Milch höchste Vorsicht geboten, will man nicht unangenehme geschmackliche Variationen von Milch kennen lernen.

Letztens, als ich einen Jogurt in der Hand hielt, dessen MHD bereits abgelaufen war, da bemerkte ich, dass wir Menschen auch unser MHD haben. Mein MHD für den Arbeitsalltag läuft am 13.01.2030 (voraussichtlich, bis dahin kann die Gesetzgebung dieses Datum noch ändern) ab. Das MHD bei Menschen ist der Eintritt in das Rentenalter, wenn keiner sich mehr darum reißt, uns im Büro sitzen zu haben.

Bei der Vorstellung in 20 Jahren bereits „abgelaufen“ zu sein, wird mir ganz anders. Ich fühle mich noch überhaupt nicht alt (nur manchmal ein bisschen, aber das gehört dazu), gehe gerne arbeiten und kann mir nicht vorstellen, plötzlich nicht mehr gebraucht zu werden. Nur, weil ich nicht mehr 64 bin, sondern weil ich 65 bin, werde ich aus dem Arbeitsalltag aussortiert werden.

Nun gibt es bestimmt Kolleginnen und Kollegen, die freuen sich schon heute auf diesen Tag. Ich gehöre nicht dazu, mir graust davor, jeden Tag meine Freizeit planen zu müssen.

20 Jahre vergehen vermutlich schneller als ich denke, also werde ich bereits jetzt anfangen,  mir Gedanken darüber zu machen, was ich mit mir anstellen werde, wenn ich nicht mehr zur arbeitenden Bevölkerung gehöre. Ich muss mir Beschäftigungen suchen, die finanzierbar sind (Galerien, Ausstellungen, Museen), werde mit dem typischen Rentnersport anfangen (Aqua Gymnastik und Nordic Walking) und mir 20 Jahre lang überlegen, was ich immer schon machen wollte, wozu ich aber einfach nie die Zeit hatte (Chinesisch lernen, Fallschirmspringen).

Dann kann ich noch hoffen, dass ich wenigstens für ein paar Stunden wöchentlich, einen Arbeitgeber finde, der mich beschäftigt, obwohl mein MHD abgelaufen ist und das Risiko einfach eingeht, zu probieren, ob ich trotzdem noch einsatzfähig bin.

Vielleicht ist mir aber bis zum MHD so viel eingefallen, was ich machen möchte, dass ich einfach loslassen kann und eine flotte Rentnerin werde, man weiß ja nie.

Man hört so viel von Kolleginnen, die im beruflichen Alltag aktiv sind, aber von den  Kolleginnen, die das MHD erreicht haben, hört man plötzlich gar nichts mehr.

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, ganz ohne Arbeit zu sein und mich nur der Freizeit zu widmen und hoffe nur, dass ich, wenn es soweit ist, soviel Unternehmungsgeist habe, dass ich den Ruhestand und den Ablauf meines MHD mit Freude (und Freunden) genießen kann.

Für Anregungen und Ideen von Ihnen, was ich in meiner dann so langen Freizeit anstellen kann, bin ich bereits jetzt dankbar.

Ihre

G. Baumgärtel

 

Anmeldung für Mitglieder


Die neuesten Beiträge im Forum: ausblenden einblenden