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Machen Sie!
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen friedlich im Büro, arbeiten fleißig, emsig, zielstrebig und motiviert, plötzlich ruft Ihr Chef Ihnen aus seinem Büro zu: „Machen Sie sofort eine Überweisung an…”. Sie verfügen zwar über eine moderne Telefonanlage, mit der man selbstverständlich auch intern Kontakt halten kann, aber brüllen ist dann wohl doch angenehmer.
Noch gelassen, holen Sie für die Überweisung die PIN und die TANs aus dem Safe und überweisen. Eine leichte Übung für Sie.
Sie bestätigen die Eintragung und dürfen voller Freude hören, wie Ihr Chef ruft, „Verbinden Sie mich sofort mit …”. Kein bitte, es fehlt noch, dass er sagt: „aber flott” und Sie merken, wie Sie gereizter werden, denn es mangelt an den einfachsten Höflichkeitsfloskeln, die im Umgang miteinander unverzichtbar sind. Wie wäre es mit einem „bitte”?
Ihr Chef telefoniert, das Telefonat wird lautstark geführt und Sie fürchten das Schlimmste. Kaum ist das Telefonat beendet, verlangt Ihr Chef harsch „Schreiben Sie sofort das dritte Diktat im Diktatstamm”. In Ihnen fängt es an zu brodeln wie in einem Vulkan. Sie müssen sich disziplinieren, um nicht laut zischend zu erwidern.
Das Diktat ist erledigt, der Druckbefehl erteilt, schon schallt es aus seinem Zimmer: „Sind Sie endlich fertig? Wie lange dauert das denn noch?”. Um diesen freundlichen Zuruf zu steigern, fordert er, „Bringen Sie mir sofort eine Kopie des Schriftsatzes”. Sie sind schnell, aber Sie sind keine Concorde, auch Sie können nur eine bestimmte Geschwindigkeit erzielen, selbst wenn Sie rennen.
Während Sie auf dem Weg in sein Zimmer sind, klingelt das Telefon. Auch Ihnen ist es unmöglich, an zwei Orten gleichzeitig zu sein, und so gibt es einen neuen herzlichen Befehl: „Wann gehen Sie denn endlich ans Telefon?”. Wenn Sie jetzt etwas sagen würden, würden Sie den Grund für eine fristlose Kündigung schaffen – und das können Sie sich nicht leisten, also halten Sie den Mund, rennen in sein Zimmer, legen die Kopie ab und spurten zurück an das Telefon.
Innerlich kündigen Sie heute zum hundertsten Mal und blicken verzweifelt auf die Uhr. Bis zum Feierabend ist noch eine lange Durststrecke zu überwinden, da heißt es, die Contenance nicht zu verlieren und souverän zu schweigen. Während Sie beschlossen haben, sich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen, ruft er schon wieder nach Ihnen und verlangt „Kommen Sie sofort in mein Büro”. Mittlerweile ist der Kloß, den Sie runterschlucken müssen, unerfreulich groß, sperrig und kaum noch zu bewältigen. Ihr Nacken ist verspannt, die Gesichtsmuskulatur angespannt und Ihre Bewegungen eckig von dem Bemühen, gelassen zu bleiben.
In seinem Zimmer verlangt er dann Rapport von Ihnen: Ob Sie eine Arbeit, die er Ihnen gestern übertragen hat, bereits erledigt haben. Sie hätten diese Arbeit ja wirklich gerne schon erledigt, aber da er heute einen dieser ganz speziellen Tage hat und Sie ununterbrochen herumkommandiert, müssen Sie seine Frage leider verneinen.
Natürlich verlangt er von Ihnen, dass Sie das Versäumte sofort nachholen und sagt zum wiederholten Male: „Machen Sie dies, machen Sie das, machen Sie jenes…”
Sie dürfen innerlich kochen, toben, wüten, aber Sie dürfen niemals, auf keinen Fall – außer Sie haben einen neuen Job oder stehen kurz vor der Rente – sagen, aussprechen, schreien:
Machen Sie es doch selbst!
Ihre G. Baumgärtel