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Mach die Musik leiser
Lange, lange ist es her, da war ich ein pubertierendes Mädchen, trotzig, ungehorsam und nur darauf aus, meinen Eltern Ärger zu bereiten. Was immer von meinen Eltern kam, war alt, spießig und natürlich nicht tragbar. So saß ich stundenlang in meinem Zimmer und hörte immer dieselbe Musik (Dire Straits, Supertramp, Alan Parsons Project und andere Highlights der Musikgeschichte).
Ich hörte diese Musik laut und musste nicht lange warten, bis meine Mutter kam und mich mit den Worten „Mach die Musik leiser“ aufforderte, nicht das ganze Haus zu beschallen. Damals schwor ich mir, sollte ich selbst einmal Mutter werden, niemals zu meinem Kind zu sagen „Mach die Musik leiser“. Ich schwor mir, eine tolerante und offene Mutter zu sein und den Musikgeschmack meines Kindes zu akzeptieren, niemals wollte ich mein Kind nerven mit dem Ausspruch: „Mach die Musik leiser“.
Heute bin ich Mutter, ich habe ein Kind und wir müssen uns unseren Lebensraum teilen. Kompromisse sind angesagt. In unserer Wohnung haben wir gemeinsame Zimmer, aber wir haben alle auch noch ein eigenes Zimmer, in das wir uns zurückziehen können, das wir ganz nach dem eigenen Geschmack eingerichtet haben, und wir halten uns regelmäßig in unseren eigenen Zimmern auf.
Ich habe einen Faible für Leopardenoptik und so ist mein Zimmer ganz im Leopardenlook gestaltet. Mein Sofa und meine Sessel sind mit Leoprintstoff überzogen, diverse Accessoires auf meinem Schreibtisch und rundherum sind auch mit Leomuster verziert. Ich sitze also an meinem häuslichen Schreibtisch und erledige eine ungeliebte Arbeit (Überweisungen ausführen – natürlich online am Notebook, Belege für die Steuererklärung sortieren, Belege abheften u.v.a.m.) und aus meinem Nachbarzimmer schallt laut das Lied „Hamma“ von Culcha Candela.
Mein Sohn hört dieses Lied heute nicht zum ersten Mal, es ist bestimmt das zehnte Mal, dass dieses tiefgründige Lied aus seinem Zimmer zu hören ist. Ich fühle mich in meiner Konzentration gestört, zehn Mal reicht, also stehe ich auf, gehe zu seinem Zimmer, klopfe an der Tür, reiße die Tür auf und rufe. „Mach die Musik leiser, ich kann nicht arbeiten!“. – Da, da war es und mein Erschrecken ist grenzenlos. Jetzt bin ich also doch eine Mutter, die verlangt, dass das Kind die Musik leiser macht – und so wollte ich doch nie werden.
Mein Sohn gehorcht – zwar mürrisch, bockig und genervt, aber – er macht die Musik leiser (ein Glück).
Eine Woche später, es ist Sonntag Nachmittag. Ich höre laute Musik (Mary J. Blige) und räume mein Zimmer auf. Schneller als man gucken kann wird so ein Zimmer ja unordentlich, und ich gehöre zu der Fraktion der Aufräumer, ich mag es lieber ordentlich als unordentlich. Mein Sohn sitzt im Zimmer nebenan und erledigt seine Hausaufgaben, mein Mann sitzt in seinem Zimmer und hört den Bolero und liest dabei ein intellektuelles Buch (irgendeine Biographie über einen wichtigen Politiker).
Während ich voller Elan mitsinge (bei dem Lied „911“ singe ich beide Stimmen des Duetts, das muss sich gruselig anhören), kommt mein Sohn an meine Tür, er reißt die Tür auf (natürlich ohne Anklopfen – nur Mütter müssen offensichtlich anklopfen –) und ruft anklagend: „Mach die Musik leiser, ich kann nicht arbeiten!“.
Da stand ich nun und fing an zu lachen, ich konnte mit dem Lachen gar nicht mehr aufhören. Das ist doch eigentlich mein Text und nun benutzt mein Sohn ihn. Daran sieht man, dass „Mach die Musik leiser“ generationsunabhängig ist und gegen jeden einsetzbar ist.
Aber ein klein wenig fühlte ich mich wieder wie ein Teenager: bockig, trotzig und null Bock, dieser Aufforderung nachzukommen. Selbstverständlich habe ich die Musik leiser gemacht (und wünsche mir zu Weihnachten schnurlose Kopfhörer).
Ihre G. Baumgärtel