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Montagskolumne von G. Baumgärtel: Küss den Frosch
Zu meiner großen Freude habe ich eine 8-jährige Nichte, die sich manchmal wünscht, mit mir ins Kino zu gehen. Da mein Sohn aus dem Kinderfilmalter herausgewachsen ist, genieße ich das sehr. Jetzt wünschte sich meine Nichte, mit mir in den Film „Küss den Frosch“ von Walt Disney zu gehen und ich habe ihn ihr gern erfüllt.
Ich habe in diesem Film unglaublich viel gelernt. Da überredet ein Frosch ein hübsches, selbstbewusstes, junges Mädchen mit den wildesten Versprechungen, ihn zu küssen. Das Mädchen lässt sich gegen seine erste Abneigung überreden und – es passiert, was passieren muss: anstatt, dass das Mädchen für seinen Wagemut eine Belohnung erhält, wird es bestraft und in eine Fröschin verwandelt.
Dieses Fazit lässt sich doch sofort auf alle mögliche Lebenslagen übertragen.
Ein Beispiel:
Es ist Schnee, man kann rodeln und Gott und die Welt versuchen Sie zu überreden den Teufelsberg in Berlin herunterzurodeln, weil Sie garantiert viel Spaß haben werden. Sie geben nach, wollen kein Spielverderber sein, rodeln eine steile und enge Abfahrtspiste herunter und natürlich überschlägt sich der Schlitten mit Ihnen und Sie landen im verschneiten Gestrüpp.
Oder: Als Sie ein Kind waren wurde Ihnen ein Essen serviert (Blutwurst, Schnuten und Poten oder andere Absonderlichkeiten), dessen Anblick dazu führte, dass sich automatisch und fest Ihr Mund verschloss, weil Sie das Essen auf keinen Fall kosten wollten. Diverse Erwachsene versuchten dann, Überzeugungsarbeit zu leisten. Wenn man sich hat überreden lassen, folgte die Strafe auf dem Fuß, das Essen schmeckte schlimmer, als es aussah.
Oder Sie nehmen gegen Ihren Instinkt einen Job an, obwohl alles in Ihnen auf Abwehrhaltung eingestellt ist. Sie nehmen diesen Job an, weil Sie ja schließlich erwachsen sind und es sich schon richten wird. Dabei sollte man irgendwann gelernt haben: Nichts wird sich richten, es kommt genauso schlimm, wie man es sich in seinen kühnsten Alpträumen vorgestellt hat.
Küss den Frosch hat also die Aussage: Lass Dich nie zu etwas überreden (sei es im Job, sei es im Privatleben), was Du nicht willst. Die versprochene Belohnung wird nicht eintreten. Küss den Frosch will uns vermitteln, dass wir zu uns stehen sollen und nicht nur deshalb, weil „man“ ggf. etwas so macht, weil wir mit dem Strom schwimmen sollen.
Walt Disney sei dank, ich habe eine Lektion wiederholt, die ich schon beinahe wieder vergessen hatte. Ganz sicher werde ich jetzt auf Ansinnen, die mir widersprechen antworten:
Ich küsse keine Frösche!
Ihre
G. Baumgärtel