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Kinoknigge
Ich bin selbst schuld. Am Donnerstag hatte ein Film Premiere, den ich unbedingt sehen wollte und ich konnte natürlich nicht warten, ich musste diesen Film am Freitag sehen. Sie können sicher sein: so etwas passiert mir nie wieder.
Zunächst suchte ich verzweifelt nach einem Kino, bei dem ich davon ausgehen konnte, dass es nicht so voll ist. Voller Freude wurde ich fündig und machte mich auf den Weg. Leider waren meine Gedanken fehlgeleitet. Bei einem neuen Film am zweiten Tag ist jedes Kino voll.
Daher stellte ich mich geduldig in die Warteschlange und der wirklich missratene Abend begann. Hinter mir drängelte jemand und nach dem mir dieser jemand das vierte Mal in die Hacken getreten war, drehte ich mich um, um meinen Unwillen kund zu tun. Ich stand meinem Zielobjekt gegenüber: Vor mir ragte ein 2 Meter Hüne auf, Hände wie Schaufelräder, ein Schrank, der mindestens sieben Mal die Woche ins Fitnessstudio rennt und ich beschloss aus reinem Selbstschutz, höflich zu bleiben.
Ruhig und nach meiner Meinung gelassen, bat ich ihn, Abstand zu wahren. Der Typ glotzte mich an, als ob ich chinesisch sprechen würde. Gähnende Leere in seinen Augen. Ah, ich verstand, sein Sprachzentrum ist unterentwickelt und vermutlich seine sonstigen intellektuellen Fähigkeiten ebenso. Also machte ich Gesten, die Abstand symbolisieren sollten und war zunächst zufrieden, denn er schien mich verstanden zu haben.
Als ich endlich meine Eintrittskarte gelöst hatte, schlenderte ich im Foyer des Kinos herum, trank noch mein Lieblingsgetränk und freute mich auf den Film.
Kurz vor Beginn der Vorstellung begab ich mich ins Kino, fand die richtige Reihe und schreckte entsetzt zurück. Genau neben mir sitzt der Mutant, von dem ich dachte, dass ich ihn nie wieder sehen würde. Leider war er so breit, dass von meinem Platz nicht mehr viel übrig blieb und ich verzweifelt versuchte, eine Sitzhaltung zu finden, in der ich mich nicht eingequetscht fühlte.
Der Typ war nicht allein, er war bewaffnet. Auf seinem Schoß befanden sich:
Popcorn, Nachos, Gummitiere, eine XXL-Flasche eines Erfrischungsgetränks und Eiskonfekt. Sprachlos bestaunte ich diese Mengen an seelischer Unterstützung für nur einen Film und hatte noch die vage Hoffnung, dass er seine Mahlzeit bitte vor dem Hauptfilm vertilgt haben würde.
Zu den Gerüchen von Popcorn, Nachos und Co. kam sein unangenehmer Körpergeruch. Ich hatte neben mir wieder einmal ein Exemplar der Gattung Mann, an dem die Erfindung eines Deodorants spurlos vorbeigegangen ist. Ich überlegte, ob ich gehen sollte, oder ob ich versuchen sollte, durchzuhalten. Ich entschied mich für das Durchhalten.
Natürlich hatte er diese Unmengen nicht vertilgt, als die Werbung vorüber war. Neben mir schmatze und müffelte es, wie in einem Zoo. Aber, in den Zoo gehe ich, weil ich die Tiere bestaunen will und weiß, dass der Geruch dazu gehört. Im Kino ist dies absolut fehl am Platze. Ein Pumakäfig (ich hoffe, Sie wissen, dass Raubtiere nicht unbedingt angenehm duften) wäre mir noch lieber, als neben diesem Primaten sitzen zu müssen.
Es kam, wie es kommen musste. Er musste sich schnäuzen, er stieß auf und gab Geräusche von sich, die nur bei einem Kleinkind erlaubt sind. Mitten in der Vorstellung sprang er plötzlich auf und sagte: „DURCH“. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn auch wirklich verstanden hatte und erwiderte daher keck: „Subjekt, Prädikat, Objekt!“ mit der heiteren Gewissheit, dass er nur Bahnhof verstehen würde.
Leider halfen meine erzieherischen Bemühungen nicht viel, er zwängte sich an mir vorbei. Mit dem Wissen, dass dieses Schnuckelchen in wenigen Minuten an meine Seite zurückkehren würde, entschied ich, das Kino zu verlassen und auf die DVD zu warten.
Das wird schön: Ganz ohne Popcorn, Nachos, Getränke, einfach in Ruhe den Film genießen. Den Rest brauche ich nicht.
Ihre G. Baumgärtel