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Ich war es!
Drohend wie die sieben Plagen steht manchmal ein Anwaltkoloss im Raum und dieser stellt die folgenschwere Frage: „Wer war das?” Jeder weiß, es müssen Köpfe rollen. Die Exekutionsmaschine ist in Gefechtsposition.
Auf diese unangenehme Frage (keiner weiß, worum es eigentlich geht) senkt sich dichtes Schweigen über die Menge. Alle vermeiden es, durch irgendeine Regung aufzufallen, und jeder denkt: „Ich war es nicht”. Dabei ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht einmal klar, wofür die große Abrechnung aussteht – sicher ist nur, irgendwas ist furchtbar schief gelaufen und ein Schuldiger muss her.
Hierbei habe ich folgende Beobachtung gemacht, die ich gerne an Sie weitergebe:
Ohne zu wissen, welches Vergehen gerade zur Anklage gebracht wird, melde ich mich und sage „Ich war es!”. Denn, egal, wie ich es drehe oder wende, am Ende kommt sowieso heraus, dass ich schuld bin, denn ich bin immer schuld. Da kann ich die übliche Prozedur auch verkürzen und gleich die Verantwortung für ein noch unbekanntes Versäumnis übernehmen.
Was dann passiert, hätte Platz in einer Komödie. Auf meine Enttarnung als Übeltäterin ist demjenigen, der nach einem Täter sucht, erst einmal der Wind aus den Segeln genommen. Aber dieser luftleere Raum dauert nur wenige Sekunden – und dann geht es los:
Ich werde ins Visier genommen und spüre richtig, wie der Finger des Jägers bereits den Abzugsknopf liebkost. Ich bin zum Abschuss freigegeben.
Während alle anderen wieder anfangen zu atmen und glücklich sind, dass das heutige Opfer gefunden ist, wendet sich der Fragende und Suchende mir zu.
Die Fallen sind aufgestellt, der Hindernisparcours steht ... Für mich gilt es jetzt, mich so geschickt herauszuwinden, dass das Sturmtief Chef sich in sein Zimmer zurückzieht und wieder Frieden einkehrt.
Der Chef fragt: „Was haben Sie sich dabei gedacht?”
Wer hat denn behauptet, dass ich denken könne? Ich habe mir gar nichts dabei gedacht, weil ich immer noch nicht weiß, worum es geht! Aber durch die Jahre klug geworden, antworte ich: „Ich habe wohl nicht richtig nachgedacht”. Das passt immer, auf jeden Fehler oder Regelverstoß – und man kann Besserung geloben, so dass ich meist hinterherschiebe: „Das wird mir nie wieder passieren” – immer noch nicht wissend, worum es eigentlich geht. Denn ich bin immerhin damit beschäftigt, eine tickende Zeitbombe zu entschärfen. Wenn er sich erst einmal beruhigt hat, dann kann ich ihn in Ruhe auf das Problem ansprechen, aber erst muss ich für Entwarnung sorgen.
Ich habe Glück. Fürs Erste reicht es, einen Schuldigen enttarnt zu haben, und der Aggressor zieht sich in sein Zimmer zurück. Und ich, ich lächele in mich hinein, weil eines stimmt: Ich war es, die die drohende Katastrophe abgewandt hat – einfach dadurch, dass ich es war.
Na wer sagt es denn. Geht doch. Probieren Sie es aus und sagen Sie: „Ich war es”.
Ihre G. Baumgärtel