Startseite » Leitartikel » 2010 » Kolumnen » Ich und mein Grill

Ich und mein Grill
Wer hätte es geglaubt, der Sommer hat sich endlich in Deutschland niedergelassen und die Laune steigt. Die Kleidung ist farbenfroh und nie war der Feierabend so wertvoll wie im Sommer. Alle zieht es raus ins Grüne, jeder will seine persönlichen Sonnenstrahlen einfangen, manche in dem Bemühen, ein klein wenig Farbe zu bekommen.
In den Großstädten sind alle öffentlich zugänglichen Erholungsflächen überfüllt, jeder See ist bevölkert, und wer die Massen beim Spaziergang durch den Berliner Grunewald sieht (nur eine von vielen Möglichkeiten, sich ein Plätzchen zum Entspannen zu suchen), der hat eine ungefähre Vorstellung davon, wie das war, als man von Völkerwanderung sprach.
Wer einen schönen Balkon oder eine Terrasse hat, entscheidet sich daher im Ballungszentrum häufig für einen Tag auf „Balkonien“, ein gutes Buch, ein gekühltes Getränk und so viel Privatsphäre wie machbar.
Zum Sommer gehört auch das Grillen. Grillen kann man immer und überall. Wer einen eigenen Garten hat, der schätzt es vermutlich auch, Freunde einzuladen und gemeinsam Berge von Nahrungsmitteln, zubereitet auf dem Grill, zu sich zu nehmen.
Ein Gutes am Grillen ist die Vorfreude. Im Lebensmittelgeschäft werden die Zutaten für diverse Salate, in Berlin unverzichtbar „Berliner Weiße“, die Bestandteile für die Nachspeise, Saucen und Senf und natürlich, Fleisch, Fisch, Geflügel, Würstchen, Kartoffeln, Gemüse und, nicht zu vergessen, Marshmallows gekauft.
Wann immer ich für Gäste einkaufe, ich verlerne komplett die Einschätzung der Menge dessen, was eine Person realistisch vertilgen kann. Habe ich 6 Gäste, kaufe ich ein, als hätte ich 10 Gäste, sodass es am Tag nach einem Fest bei uns immer ein ausgiebiges Resteessen gibt.
Ich bereite voller Spaß bereits im Garten sitzend alles vor, was notwendig ist, um ein gelungenes „Barbecue” zu feiern. Kartoffelsalat, grüner Salat, leckere Salatsaucen, ich mariniere das Fleisch und den Fisch, der Tisch wird rustikal gedeckt, die Gitarre herausgeholt und dann, dann bereite ich den Grill vor.
Ein weit verbreitetes Gerücht unterstellt ja, dass Männer diejenigen sind, die den Grill bedienen. Oh nein, kommen Sie nicht in meine Nähe, wenn ich am Grill stehe. Ich grille und ich verteidige, ausgerüstet mit einem Schürhaken, einem Topflappen und einer Grillgabel meinen Platz.
Und Feuer, Feuer ist auch nicht Männersache. Feuer ist Frauensache. Ich entzünde die Kohlen, ich fache die Glut an und erwarte, dass wirklich niemand auf die Idee kommt, mir meinen Platz streitig zu machen. Nur Frauen können wirklich beurteilen, wann ein Nackensteak fertig ist. Wie soll ein Mann, der im Haus die Küche nicht ohne Navigationssystem findet, am Grill ein „Herr und Meister” sein?
Glücklicherweise akzeptieren alle, die mich kennen, dass ich beim Grillen keinen Spaß verstehe und am Grill verankert bin, als wäre ich festgewachsen. Ich esse im Stehen und werde belohnt durch die glücklichen Gesichter der Teilhabenden.
Irgendwann, wenn die letzte Leckerei vertilgt ist, setze ich mich dann an den Tisch und verkünde: „Der Grillmeister bin ich.”
Ihre G. Baumgärtel