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Hilfe, ich bin krank!
Sie müssen sich keine Sorgen machen, mir fehlt nichts Ernstes, aber ich huste und schniefe, als wenn ich dafür bezahlt werden würde und nicht dafür zu arbeiten. Mein Kopf brummt und summt, meine Glieder sind schwer, ich habe erhöhte Temperatur, höre schlecht, im Hals kratzt es, kurzum: ich bin erkältet.
Wie es sich gehört, fing die Erkältung am Wochenende – natürlich am Samstag – mitten in einem Seminar an. Ich nieste und war mit Sicherheit bei meiner roten Nase keine Augenweide. Da der Samstag durch das Seminar ausgefüllt war, blieb mir, nachdem ich erst gegen 21:30 Uhr zu Hause war, nur der Sonntag, um mich zu erholen und diese missliche Erkältung wieder loszuwerden.
Montag stand ich dann vor der Frage (eine hustenreiche Nacht hat mich um den Schlaf gebracht): Gehe ich ins Büro, oder lasse ich es bleiben? Ich wog die Vor- und Nachteile ab und meine Überlegungen gingen wie folgt:
Der Vorteil, wenn ich krank ins Büro ginge, könnte darin liegen, dass ich präsent bin. Der Nachteil könnte sein, dass die Qualität meiner Arbeit zu wünschen übrig ließe. Irgendwie setzen sich Erkältungen immer direkt im Hirn fest und der Denkapparat will nicht so, wie ich es will.
Der Vorteil, wenn ich krank ins Büro ginge, könnte sein, dass ich meine Kolleginnen und Kollegen nicht allein mit der Arbeit ließe. Der Nachteil könnte gleichzeitig sein, dass ich eventuell alle anstecken würde. Die Viren und Bazillen bleiben leider nicht brav auf mir sitzen, sondern sie verteilen sich mit Affengeschwindigkeit im ganzen Büro. Da muss man mir nicht mal nahe kommen, und schon hat man sich im Zweifel angesteckt.
Der Vorteil, wenn ich krank ins Büro ginge, könnte darin liegen, dass mir nicht so langweilig wäre. Wenn ich den ganzen Tag allein zu Hause auf einer Liegewiese verbrächte, würde ich mich langweilen. Meistens bin ich, wenn ich erkältet bin, auch zu groggy, um zu lesen. Natürlich bleibt eine reizvolle Alternative: ich könnte schlafen, schlafen und noch mal schlafen, aber irgendwann geht auch das nicht mehr und dann ist mir zu Hause wieder einfach nur – langweilig. Der Nachteil könnte sein, dass ich unausgeschlafen unausstehlich bin.
Der Vorteil, wenn ich krank ins Büro ginge, könnte auch sein, dass alle mich für unglaublich tapfer halten. Ich würde bemitleidet werden, die Kollegen brächten heißen Tee, Kekse und Sonstiges und wären sehr daran interessiert, dass ich mich nicht überanstrenge. Der Nachteil, wenn ich krank ins Büro ginge, könnte sein, dass ich alle anderen nerve, wenn ich wie ein Häufchen Elend an meinem PC hocke, huste, schniefe und tragisch in die Welt hineinschaue.
Wenn ich Alleinkraft bin, dann stellt sich die Frage nach einem Vor- und Nachteil meist überhaupt nicht. Dann gehe ich, egal in welchem Zustand, ins Büro. So bin ich einmal nach einer Operation mit Krücken ins Büro gewankt, denn ich war Alleinkraft. Ich konnte zwar mein rechtes Bein nicht bewegen, aber alle sonstigen körperlichen und geistigen Funktionen, die ich benötigte, funktionierten einwandfrei. Also ging ich ins Büro und kümmerte mich nicht im geringsten darum, dass ich eigentlich krankgeschrieben war.
Nach allen Überlegungen habe ich in mich reingehorcht und mich gefragt, was würdest Du tun, wenn Du Alleinkraft wärest? Die Antwort war: Ich bin nicht krank genug, um nicht zu arbeiten. Also ging ich ins Büro und kuriere die Erkältung jetzt eben im Büro aus.
Denn eines weiß ich mit Sicherheit, auch diese Erkältung geht wieder vorbei, ob ich nun zu Hause bleibe oder nicht. Vielleicht ist die Erkältung sogar ein klein wenig schneller vorbei, weil ich arbeite, denn ich bin abgelenkt und kann mich gar nicht darauf konzentrieren, dass ich ja eigentlich krank bin.
Ihre G. Baumgärtel