Startseite » Leitartikel » 2010 » Kolumnen » Fernbedienung

Fernbedienung

Wer ist der „Herr” der Fernbedienung?

Die Frage, wer die Fernbedienung beherrscht, hängt natürlich maßgeblich davon ab, wie viele Personen in einem Haushalt leben. Der Ein-Personen-Haushalt beantwortet die Frage mit einem selbstverständlichen „ich”. Auch ich war mal Single, hatte einen Fernseher und konnte aus dem Programm das wählen, was ich sehen wollte, wenn ich denn überhaupt Lust hatte auf Fernsehen.

Dann kam die Zeit der trauten Zweisamkeit. Ich trennte mich von meinem Single-Dasein, fand meinen eigenen „Mr. Big” (für Kenner der Serie Sex and the City, meine Geschichte war absolut unkompliziert!) und nutzte die Zweisamkeit für viele gemeinsame Unternehmungen. Abende zu Hause auf dem Sofa waren eine Seltenheit, außerdem gab es, für den Fall des gemütlichen Daheimbleibens, fast immer ein Buch, das ich spannender fand als das dröge Fernsehprogramm.

Irgendwann beginnt bei fast jeder Frau die biologische Uhr zu ticken. Eigentlich leben wir im Paradies, gemeinsam mit unserem Partner, aber es wächst der Wunsch nach Kindern, weil man sich tatsächlich einfach nicht vorstellen kann, dass das Leben mit Kindern so anders sein soll als ohne Kind. Zudem treffen die Veränderungen selbstverständlich immer nur andere Paare, ich war fest davon überzeugt, mit Kind genauso weiterleben zu können wie ohne Kind. Ich habe mich, wie so viele andere vor mir, gründlich getäuscht.

Weggefallen sind die vielen Abende, an denen man spontan um die Häuser gezogen ist, denn da ist ja immer die Frage: Wer kümmert sich um das Kind? Dazu kam ein permanenter Erschöpfungszustand, denn die Doppelanforderung (eigentlich Dreifachanforderung – der Haushalt ist ja auch noch zu machen) als Mutter und Berufstätige ist nicht zu unterschätzen.

Die gemütlichen Abende auf dem Sofa nahmen zu und damit die Frage: Wer darf entscheiden, was gesehen wird?

Letztens sah ich voller Vergnügen, dass „Sister Act” im Fernsehen lief. Natürlich kenne ich diesen Film aus Zeiten, in denen ich noch ins Kino ging (mittlerweile ist mein Sohn so groß, dass diese Zeiten wieder beginnen), aber ich erinnerte mich daran, dass mir der Film gut gefallen hat – und einen guten Film kann man nach mehr als 10 Jahren auch noch einmal sehen.

Nun denn, in einem anderen Programm lief eine Dokumentation über Winston Churchill und mein Mann guckte mich mit glänzenden Augen an und war fest entschlossen, diese Dokumentation zu sehen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde das Leben von Winston Churchill spannend (unsportlich, Raucher, übergewichtig und erfolgreich), aber wenn es „Sister Act” gibt – ist doch offenkundig, was zu sehen ist.

Aus zwei mach drei, mein Sohn verkündet, es gibt das Finale von irgendeiner Casting Show und diese müsse er unbedingt sehen, sonst könne er in der Schule am nächsten Tag nicht mitreden. Und so geschah es dann, dass wir zu dritt dieses ermüdende Staffelende gesehen haben und ich merkte, dass bei uns Herbert Grönemeyer zugeschaut hat, als er schrieb: „Kinder an die Macht”.

Die Macht über die Fernbedienung hat derjenige, der die anderen um den kleinen Finger wickeln kann! Und den bittenden Augen meines Sohnes kann ich nun wirklich nicht widerstehen.

Ihre G. Baumgärtel

 

 

Anmeldung für Mitglieder


Die neuesten Beiträge im Forum: ausblenden einblenden