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Eine wahre Geschichte

Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schön erzählt habe, dass ich bereits in mehr als 200 Seminaren Dozentin war. Meist redete ich über die BRAGO oder das RVG, aber auch Kanzleimanagement, Kanzleiorganisation und Zwangsvollstreckung hatte ich bereits als Themen. Seit mehr als 20 Jahren begeistert es mich, wenn ich vor Zuhörern mein Wissen ausbreiten darf und zum Teil wirklich schwierige Fragen beantworten kann.

Ich habe ein gutes Gedächtnis für Gesichter und so erkenne ich in meinem Seminaren immer wieder Teilnehmer, die ich schon einmal gesehen habe. Bei denen, die ich häufiger gesehen habe, da kenne ich dann sogar den Namen.

Letztens hielt ich in Berlin Mitte in der Friedrichstraße ein Seminar und erkannte eine Teilnehmerin wieder, die ich das letzte Mal gesehen hatte, als ich noch nicht verheiratet war (lange, lange ist es her). Ich freute mich, sie wieder zu sehen und wie es der Zufall so wollte, hatten wir einen gemeinsamen Heimweg, wir beide fuhren mit der S 7 in Richtung Potsdam.

Auf der Fahrt erzählte mir diese Kollegin (ich nenne sie Marianne) eine Geschichte, die ich Ihnen weitererzählen möchte:

Marianne stand auf, frühstückte und radelte wie jeden Morgen, bei jedem Wetter mit dem Rad ins Büro. Sie brauchte für den Weg 45 Minuten und war sich sicher, dass weiterer Sport bei ihr nicht erforderlich war. Im Büro angekommen, kümmerte sie sich um frischen Kaffee, goss die Blumen, bearbeitete die Fristen und Diktate und hatte überhaupt kein Problem damit, den Einspruch gegen ein Versäumnisurteil zu schreiben, den ihr Chef ihr verfügt hatte. Sie dachte auch an den Einstellungsantrag einer eventuell drohenden Zwangsvollstreckung und kontrollierte den Fristablauf. Dieser war am selben Tag.

Aus Erfahrung klug geworden, druckte Marianne den Einspruch und ließ sich diesen unmittelbar von ihrem Arbeitgeber unterschreiben. Bei Fristabläufen wurde immer gefaxt und so bewegte sie sich in Richtung Faxgerät. Als sie gerade dabei war, die Nummern einzutippen, klingelte das Bürotelefon. Marianne ließ den Einspruch zunächst neben dem Faxgerät liegen und ging zum Telefon. Danach erledigte sie lauter Aufgaben, die nicht einzeln aufgezählt werden sollen.

Nach Büroschluss radelte sie vergnügt mit ihrem Rad nach Hause, sprengte den Garten, rupfte etwas Unkraut, bereitete sich eine köstliche Mahlzeit zu und ging gegen 23.00 Uhr ins Bett. Im Bett liegend ließ sie den Tag Revue passieren, dabei fiel ihr der Einspruch wieder ein. Sie konnte es drehen und wenden, wie sie wollte, sie konnte sich nicht daran erinnern, dass sie diesen Einspruch gefaxt hatte.

In Eile verließ sie das Bett, kleidete sich wieder an und schwang sich auf ihr Rad. Sie kämpfte gegen die Zeit, denn sie musste, wie im Märchen, vor Mitternacht wieder im Büro sein, denn nach Mitternacht wäre die Frist abgelaufen. So schnell, wie in jener Nacht war Marianne noch nie bei düsterer Finsternis auf ihrem Rad unterwegs.

Um 23.55 Uhr kam sie im Büro an, rannte zu den Sendeberichten und – große Erleichterung - sie hatte den Einspruch gefaxt. Es war alles in Ordnung.

Als ich diese Geschichte gehört habe, da wuchs in mir die Überzeugung, wir sind alle Heldinnen, es weiß nur leider keiner!

Ihre G. Baumgärtel

 

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