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Die Brille

Man kann eine Brille natürlich nicht wirklich als Kleidungsstück bezeichnen, aber diejenigen, die zu den Brillenträgern gehören, tragen ihre Brille so oft wie sonst kein anderes Kleidungsstück.

Ein echter Brillenträger, wie ich einer bin, setzt morgens als erstes die Brille auf die Nase und legt die Brille als letztes kurz vorm Schlafengehen ab. Ich habe dafür eine Vorrichtung auf dem Nachttisch, die wie eine Nase geformt ist und meine Brille schläft friedlich neben mir und wartet auf ihren morgendlichen Einsatz.

Wer Brille trägt, der weiß, dass es kaum etwas schwierigeres gibt, als eine neue Brille zu kaufen. So hatte ich eine Hauptbrille und eine Reservebrille, um auch sehen zu können, falls die Hauptbrille aus nicht nachvollziehbaren Gründen mal wieder unauffindbar ist.

Nun könnte ich natürlich Kontaktlinsen tragen, wie es so viele tun, aber dafür bin ich zu ungeduldig und morgens auch einfach zu müde. Mir gelingt es nicht, in zumutbarer Zeit und ohne Reizung des Auges, eine Kontaktlinse einzusetzen, also ist dieses Projekt für mich erledigt.

Vor zwei Wochen nun ging meine Hauptbrille entzwei. Ohne Vorwarnung brach der linke Bügel (während ich die Brille einfach nur im Gesicht trug) ab und war nicht wieder an die Brille anzubringen. Erste Erkundigungen bei verschiedenen Optikern haben ergeben, dass diese - meine Lieblingsbrille – nicht reparabel ist.

Ich bin ein Typ, der ungern Änderungen akzeptiert. So habe ich endlos der BRAGO nachgeweint, als das RVG eingeführt wurde; ich konnte es kaum ertragen, als der Betreiber meines Lieblingsrestaurants gewechselt hat, und ich will im Skiurlaub immer an denselben Ort, das gleiche Hotel und bitte mein Lieblingszimmer (natürlich kenne ich nicht alle Zimmer des Hotels, aber das Zimmer, in dem ich residiere, ist mein Lieblingszimmer).

Die Reservebrille kam zum Einsatz und ich nahm mir vor, mich irgendwann um eine neue Hauptbrille zu bemühen. Zu meinem großen Kummer ist mir jetzt auch noch die Reservebrille kaputt gegangen (wieder der linke Bügel, irgendetwas mache ich verkehrt) und ich muss mich um eine neue Brille kümmern, weil ich jetzt ein Modell trage, dass ich schon längst aussortiert hatte, aber nie weggeworfen habe, da man ja nie weiß, was einem im Leben so widerfahren wird.

Und da ist es wieder, das Diktat der Mode. Es ist eine bestimmte Brillenform modern (meist eckig und schmal), diese Form gefällt mir nicht und ich muss zusehen, ob ich in dieser Millionenstadt einen Optiker finde, der eine Brille hat, die so ist, wie ich mir meine Hauptbrille vorstelle. So geht es mir oft, ich bin geschmacklich gegen den Trend. Farblich sind jetzt orange und grün „hipp“, beides Farben, auf die ich bei meiner Kleiderwahl eher verzichte.

Ich habe eine genaue Vorstellung, wie diese Brille aussehen soll, aber keine Vorstellung, wie ich diese Brille finden soll. Mit Hilfe des Internets konnte ich auch nicht fündig werden, und so werde ich wohl eine Weile brauchen, bis ich fündig werde. Wenn ich so gar nichts finden sollte, werde ich meine alte Hauptbrille nehmen, zu einem Optiker tragen und ihn auffordern, die Brille nachzubauen. Bei Autos geht doch auch fast alles, warum nicht bei Brillen?

Ihre G. Baumgärtel

 

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