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Montagskolumne von G. Baumgärtel: Die 5. Jahreszeit
Stellen Sie sich vor, Sie gehen an einem Donnerstag im Februar ins Büro und schneiden nach 11.11 Uhr allen dort anwesenden Herren die Krawatte ab, und als Entschädigung für die zerstörte Krawatte geben Sie dem Betroffenen ein Bützchen (ein Küsschen). Den ersten Teil mögen sich die meisten Kolleginnen ja noch vorstellen können, beim zweiten Teil der traditionellen Weiberfastnacht verzichten die meisten dagegen dankend.
Völlig unklar ist ja auch, was passieren wird, wenn man beide Handlungen wagen sollte. Wenn man nicht im Rheinland arbeitet, hilft es wohl wenig, wenn man sich auf die alten Bräuche der Weiberfastnacht beruft, in vielen Bundesländern würde dieses Verhalten auf empörte Ablehnung treffen. Ich kann mir eine Reihe von Reaktionen vorstellen, Begeisterung gehört nicht dazu.
Die Vorstellung, einmal im Jahr, am Donnerstag vor Rosenmontag die weibliche Übermacht zu demonstrieren, hat zwar ihre Reize, aber selbst an Weiberfastnacht werden wir es wohl alle unterlassen, im Büro mit der scharfen Schere durch die Gänge zu laufen und die zum Teil kostbaren Krawatten zu zerstören.
Wer gar nichts mit Fasching (Karneval, Fastnacht - man verzeihe die laienhafte Bezeichnung) am Hut hat, der hat noch nicht einmal von der Weiberfastnacht gehört. Fasching muss man nicht mögen, für Fasching muss man geboren sein.
Berlin ist keine Karnevals- oder Faschingshochburg, deshalb gibt es viele Zugezogene, die sich um diese Jahreszeit Urlaub nehmen, um ausgelassen und übermütig „nach Hause“ zu fahren und dort im Übermaß zu feiern.
Im Fernsehen kann man besonders den Kölner Karneval ausgiebig bestaunen. Die dort gehaltenen Reden sind vermutlich nur für den komisch, der sich zwischenzeitlich in einem Zustand befindet, in dem alles komisch ist. Den Liedtexten des von sich gegebenen Liedgutes darf man nicht mit wachen Ohren lauschen, zu trivial ist das, was da geboten wird. Dabei sehe ich selbst, dass ich ungerecht bin, denn die meisten Liedtexte, die unsere Ohren berieseln, haben einen inhaltlichen Tiefgang, der mit Toastbrot vergleichbar ist.
Trotzdem kann Fasching auch für den Nichtkenner reizvoll sein, aber viel besser als sich das Spektakel passiv im Fernsehen anzusehen, ist es, selbst zu feiern, sich in ein Kostüm zu werfen und haltlose Heiterkeit zu praktizieren. Die fünfte Jahreszeit ist was für jeden, wenn er es denn will. Und wenn er es nicht will, sollte man ihm das auch zugestehen.
Insofern: Alaaf!!! (bzw. Helau!!!)
Ihre
G. Baumgärtel