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Montagskolumne von G. Baumgärtel: Der kranke Mann
Um es vorweg zu nehmen, ich schreibe hier nicht explizit über meinen Mann, will ich doch den Ehefrieden nicht gefährden. Meine nachfolgenden Zeilen sind eine Zusammenstellung dessen, was mir bereits so viele Frauen bestätigt haben. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind nicht zufällig sondern tatsächlich beabsichtigt.
Der Mann, das starke Geschlecht
Es ist passiert, der schlimmste Fall, den sie sich vorstellen kann: der Mann ist krank. Bleich, geschwächt und angeschlagen liegt er in den Kissen und blickt mit bittenden Augen in ihre Richtung, damit sie ihn retten würde. Er leidet unter der schwersten Krankheit, die es überhaupt auf der Welt gibt, er hat eine Erkältung.
Mit verzagter Stimme fragt er sie, ob sie ihm wohl eine heiße Zitrone (natürlich mit viel Zucker) zubereiten könne, denn Vitamin C hilft bekanntlich hervorragend bei dieser lebensbedrohlichen Krankheit. Ganz die Liebende eilt die Frau in die Küche, bereitet mit größter Sorgfalt eine heiße Zitrone zu, steckt einen Strohhalm in das Glas, damit das Trinken ihm leichter fällt und umwickelt das Glas mit Stoff, damit seine empfindsamen Finger sich nicht an dem Glas verbrennen. Leise kehrt sie zurück ans Krankenlager, hilft dem von der Krankheit arg geschwächten Mann, sich aufzurichten und assistiert während der Getränkaufnahme.
Es ist im übrigen Wochenende und im Wohnzimmer wartet auf sie ein Buch, auf das sie sich schon die ganze Woche freut, so verlässt sie das Krankenlager, schlendert in Richtung Sofa und Buch und – noch bevor sie sich entspannt niederlassen kann, hört sie ihn rufen.
Selbstverständlich eilt sie zurück an seine Seite. Er fühlt sich so fiebrig, dass er dringend Fieber messen muss. Er ist zu schwach, um selbst das Fieberthermometer zu holen, also schreitet sie energisch zur Tat und bringt ihm das Fieberthermometer. Das Resultat der Messung ist so niederschmetternd, dass sofort der Notarzt gerufen werden muss. Er hat 36,73 Grad Celsius!! und damit ist sein Leben in aller höchster Gefahr.
Beruhigt über das Ergebnis macht sie sich wieder auf den Weg zum Sofa, sie schreitet zügig voran, schafft es auch, sich hinzusetzen, greift nach dem Buch, öffnet die Seite, bei der sie die Lektüre das letzte Mal beendet hatte und – er ruft nach ihr.
Mit einer resignierten Geste lässt sie das Buch aus den Händen gleiten und greift die Weihnachtsglocke, damit er zukünftig mit leisen Bimmeln nach ihr rufen kann und seine geschwächte Stimme nicht überstrapazieren muss. Bei ihm angekommen, klagt er über Halsweh und fragt voller banger Hoffnung, ob im Haushalt denn noch Eiscreme vorhanden sei. Die kühlende Wirkung von Eiscreme würde seine Genesung mit Sicherheit fördern.
Natürlich will sie ihm in seinem geschwächten Zustand nicht zumuten, bis an seine Leistungsgrenze zu gehen und sich selbst eine Schüssel mit Eiscreme zuzubereiten, bereits voll im Training, sprintet sie in die Küche, legt drei Kugeln Vanilleeis in eine Schale, packt einen Löffel dazu und macht sich auf den Weg zum ach so starken Geschlecht, zum kranken Mann.
Sie rechnet sich aus, dass sie es vielleicht sogar schafft, ein paar Seiten zu lesen, bis er das Eis vertilgt hat und rennt zum Sofa, setzt sich hin, öffnet das Buch an der Stelle, an der sie das letzte Mal aufgehört hat zu lesen und …. das Glöckchen klingelt.
Bereits mit leichter Verstimmung kehrt sie zurück ans Krankenlager und wünscht sich, er würde sich wenigstens ein bisschen zusammenreißen, aber nein, er verlangt nach einem kalten Lappen um seine fiebrige (welches Fieber????) Stirn zu kühlen.
Spätestens jetzt weiß sie, dass sie heute nicht dazu kommen wird, in ihrem Buch zu lesen. Sie wird vollkommen damit beschäftigt sein, den ach so kranken Mann gesund zu pflegen und fragt sich zum wiederholten Mal, wie irgendwer auf die Idee kommen konnte, Männer das starke Geschlecht zu nennen.
Ihre G. Baumgärtel