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Der Koffer
Wie herrlich, endlich Urlaub, die Koffer sind gepackt und ab geht es zum Flughafen in die Ferne, in die Sonne. Mein Koffer ist ein wahres Wunderwerk der Packkunst, das zulässige Höchstgewicht ist erreicht und ich hätte für die drei Wochen Urlaub in der Sonne und am Strand noch viel mehr einpacken können. Natürlich habe ich alle meine Lieblingsstücke eingepackt, ausreichend Schuhe, Badeanzüge und Garderobe für die Abende, damit ich stilvoll zum Essen ausgehen kann.
Nach dem Abflug und dem Landen im Sauseschritt zur Gepäckausgabe: Je nachdem, wie lange man geflogen ist, will man einfach nur noch am Zielort ankommen.
Tja, und da warteten wir dann an der Gepäckausgabe. Der Koffer von meinem Mann erschien (unwichtig), der Koffer von meinem Sohn erschien (wichtig), nur mein Koffer, der war nicht zu sehen. Als alle schon mit ihrem Gepäck gegangen waren, stand ich ratlos vor dem Gepäckband und wollte es nicht glauben, aber es war wahr, mein Koffer, ausgerechnet mein Koffer, der wirklich wichtigste Koffer der ganzen Familie (behaupte ich natürlich), war nicht da.
Das Flughafenpersonal ließ mich eine Verlusterklärung ausfüllen und tröstete mich damit, dass mein Koffer dann wohl am nächsten Tag ankommen würde. Naiv wie ich war, glaubte ich diesen Beteuerungen, vielmehr: Ich wollte sie glauben.
Mit dem Bus ging es weiter zum Zielort, ich trug eine dünne graue Wollhose, einen grauen Kaschmirpullover (im Flieger finde ich es immer sehr kalt), bequeme, aber gänzlich unelegante feste Schuhe, eine robuste Lederjacke, einen roten Wollschal – und am Zielort waren es 32 Grad bei beginnender Dunkelheit.
Die Nacht schlief ich dann in dem festen Glauben, am nächsten Tag würde alles besser werden. Der nächste Tag kam und verging, ich sehnte mich nach leichter Kleidung, einem Badeanzug, alles in meinem Koffer, aber der kam nicht.
Am zweiten Tag kaufte ich mir dann eine überaus hässliche Shorts und ein T-Shirt, das nicht weniger hässlich war, und ein paar Flip Flops, mit rosa Blumen (die würde ich in Berlin nicht mit der Kneifzange anfassen, geschweige denn kaufen), und einen Badeanzug, der mich überhaupt nicht kleidete. Noch immer in der Hoffnung, dass mein Koffer mich finden würde, ging ich davon aus, nichts weiter zu brauchen.
Am dritten Tag ohne meinen Koffer, meine Kosmetik (meine Haare!!!!), meine Brillen, meine Kleidung, meine Bikinis und Badeanzüge, meine Schuhe, meinen Modeschmuck, meine … kaufte ich die einfachste Sportkleidung, die ich finden konnte, um Inlineskating machen zu können. Schuhe zum Skaten konnte ich mir glücklicherweise am Urlaubsort leihen. Leider musste ich mir auch die Schutzvorrichtungen leihen und war nah am Rande der Verzweiflung, denn all dies hatte ich ja in meinem Koffer.
So verging ein Tag nach dem anderen und ich wurde immer entspannter. Ich kleidete mich mit Sachen, die mir nicht gefielen, verbot jegliches Foto von mir, meine Haare waren wild und ungezähmt und ich habe mich noch nie so entspannt wie in diesem Urlaub.
Leider, leider, leider ist der Koffer aber nie wieder zu mir zurückgekommen und all meine Lieblingssommerkleider gehören jetzt irgendwem. Diesen Verlust habe ich trotz intensiven Shoppings nie verwunden und denke jetzt noch an das eine oder andere Stück, das eigentlich in meinen Schrank gehört.
Gelernt habe ich, dass ich nie wieder nur einen Koffer für mich alleine packe. In jedem Koffer wird in gleicher Weise Kleidung für mich, meinen Sohn und meinen Mann vorhanden sein. In mein Handgepäck kommen jetzt nur noch Dinge, ohne die ich nicht sein kann und ich werde nie, nie wieder, all meine Lieblingskleidung mit in den Urlaub nehmen. Zukünftig werde ich nur die Dinge einpacken, bei denen es mich nicht schmerzt, wenn ich sie für immer verliere.
Ihre G. Baumgärtel