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Montagskolumne von G. Baumgärtel: Brave Mädchen
Sie alle kennen den Spruch: Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen kommen überall hin. Seitdem dieser Spruch ein Wahlspruch von so vielen ist, frage ich mich, ob ich lieber ein braves Mädchen oder ein böses Mädchen sein möchte.
Im beruflichen Alltag habe ich ununterbrochen damit zu tun, dass der Auftraggeber oder der Dritte gegen Regeln verstößt.
Nehmen wir das Beispiel einer Ordnungswidrigkeit, hier das zu schnelle Fahren. Allen, auch den Nicht-Autofahrern sind die in geschlossenen Ortschaften geltenden Höchstgeschwindigkeitsgrenzen bekannt. Trotzdem suchen jedes Jahr unzählige Bürger Anwälte auf, weil sie zu schnell gefahren sind. Sie haben damit gegen eine Regel verstoßen.
Nehmen wir das Beispiel einer Straftat. Ein Möchtegern-Telefonunternehmen verschickt Rechnungen für den Eintrag in ein dubioses Telefonbuch und nur bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass es sich bei der „Rechnung“ auch gleichzeitig um das Angebot eines Vertrages handelt. Der Anbieter wird mit Strafanzeigen überzogen und sucht natürlich einen Anwalt auf, der ihn verteidigen soll. Fakt ist, er hat vermutlich (bis zu einem Urteil ist das ja offen) gegen Regeln verstoßen.
Ein Kindesvater kennt das Alter seiner Kinder, kennt die neue Düsseldorfer Tabelle und erhöht die Unterhaltszahlungen nicht. Er muss mittels anwaltlicher Hilfe aufgefordert werden, seiner aktuellen Unterhaltsverpflichtung nachzukommen. Er verstößt gegen seine Unterhaltsverpflichtung.
Beispiele gäbe es noch viele. Viele von den möglichen Regelverstößen (ruhestörender Lärm u.ä.) erscheinen auf den ersten Blick harmlos. Das ändert sich sofort, wenn man selbst Betroffener eines Regelverstoßes wird.
Ich kenne daher viele Kolleginnen und Kollegen, die sich eifrig darum bemühen, nicht gegen Regeln zu verstoßen und einige neigen auch zu mahnenden Vorträgen, wenn man sich in Gefahr begibt, einen Regelverstoß zu begehen.
Was ist gut, was ist böse?
Böse ist für mich, wenn jeder nur darauf bedacht ist, seinen eigenen Vorteil zu sichern und zu leben und rücksichtslos seine eigene Ziele verfolgt. Also kann ich die Frage beantworten, ob ich ein braves oder ein böses Mädchen sein will. Ich will ein braves Mädchen sein und Mitgefühl, Zivilcourage, Engagement für Dritte nicht verlernen.
Natürlich bin ich kein Engel und keine Heilige, auch mir widerfährt die ein oder andere Missetat, aber ich kann dann nicht über mich lachen, sondern versuche, mich zu ändern.
Eine rote Ampel zu überfahren ist nur so lange lustig, wie man keinen anderen damit in Gefahr bringt – und wenn ich böse bin, dann liebe ich die Gefahr und spiele mit ihr.
Also bin ich ein braves Mädchen und höre jetzt auf zu schreiben, weil sonst verstoße ich gegen eine Regel: nämlich wie lang diese Kolumne sein darf. So ist es brav.
Ihre G. Baumgärtel