Startseite » Leitartikel » 2009 » Kolumnen » Der richtige Schuh

Es ist wieder soweit, ich bin fertig, um in das Büro zu starten und es bleibt nur noch eine Frage offen: Welche Schuhe ziehe ich an. Zur Auswahl stehen durchaus praktische Schuhe. Und dann ist da noch „der Schuh“: die weibliche Antwort auf alles, was sich Schuh nennt. Spitz, hoch, leicht glänzend und einfach nur atemberaubend mit einem Hang zur Zickigkeit.
Genau dieser Schuh würde wunderbar passen zu dem, was ich heute trage: Schwarz und klassisch elegant. Aber - und das ist die große Frage - kann ich mit diesem Schuh den ganzen Tag im Büro ausharren?
ReNo: ein sitzender Beruf?
Nach kurzem Nachdenken komme ich zu der Entscheidung, dass der Schuh genau das Richtige für das Büro ist, denn ich muss ja im Büro nicht so viel laufen, ich habe ja eine sitzende Tätigkeit! Jedenfalls wird überall behauptet, dass unsere Bürotätigkeit eine sitzende Tätigkeit ist.
Nach drei Stunden weiß ich dann: ich habe keine sitzende Tätigkeit. Ich renne zum Kopierer, zum Fax, zum Drucker, zur Büroeingangstür, wenn es klingelt (und es klingelt heute ständig), zur Küche, um mir Nachschub an Kaffee zu organisieren, zum Briefkasten, um zu prüfen, ob ein Teil der Post wieder im Briefkasten gelandet ist… Ich renne und renne und renne.
Wo ist der Gesundheitsschuh?
Mittlerweile ähneln meine Füße zwei Ziegelsteigen. Der ach so elegante Schuh umschließt meine Füße, die auf Übergröße geschwollen sind, im Klammergriff und ich wünsche mir innbrünstig ein paar Gesundheitslatschen, in denen ich meilenweit laufen könnte.
Ich habe zwar in meiner Handtasche Fußkühlsalbe und Schuhdehnungsspray, aber das verschafft mir immer nur sehr kurzfristig Linderung. Nach fünf Minuten ist der alte, pochende Schmerz im Fuß wieder präsent, solange ich diesen Schuh trage.
Eitelkeit versus Schmerzfreiheit
Ich sitze am Schreibtisch und träume von einer Schüssel mit Wasser und Eiswürfeln, in die ich meine arg strapazierten Füße tauchen könnte. Ich träume von kalten Steinplatten, auf die ich mich barfuss stellen würde und – ich kapituliere – ich ziehe den Schuh aus. Ich werde heute mit einem bestrumpften Bein durch das Büro huschen und hoffen, dass es mir niemand ankreidet. Aber der Schuh, der schöne Schuh, ist schlimmer als jedes Korsett.
Ich nehme mir vor, gleich morgen, einen bequemen Wechselschuh einzupacken, sodass ich die unpraktischen aber schönen Schuhe tragen kann, wenn ich gesehen werde. Und wenn ich einfach nur am Schreibtisch sitze, da möchte ich es in Zukunft an den Füßen nur noch bequem.
Aber nichts, gar nichts, kann mich davon abhalten, weiterhin diese Schuhe (die eigentlich niemand tragen kann) anzuziehen, immer in der Hoffnung, dass ich es schon aushalten werde, denn das Büro ist ein wunderbarer Platz für unpraktische Schuhe. Man muss nur bereit sein, den Preis zu entrichten, der dafür zu zahlen ist!
Ihre G. Baumgärtel