Startseite » Im Fokus » 2010 » Im Fokus: Azubis - fördern oder fordern?
Im Fokus: Azubis - fördern oder fordern?

04.08.2010
Das neue Ausbildungsjahr hat begonnen. In Ihrer Kanzlei steht hoch motiviert ein neuer Arbeitskollegen/eine neue Arbeitskollegin vor Ihnen. Was nun? Nachdem wir letzte Woche den Azubis mit einer Checkliste den Einstieg ins Berufsleben erleichtern wollten, richten wir uns heute an Sie als Ausbilder.
Azubis – fördern oder fordern?
Am 01.08. war Ausbildungsstart für die Azubis 2010. Der Ernst des Lebens und ein neuer aufregender Lebensabschnitt beginnt dann für eine Menge junger Leute – die Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten von morgen…
Die Grundlagenausbildung
Die Grundlage bei der Ausbildung bildet sicherlich der vorgegebene Ausbildungsplan. Die Ausbildungsstufen vom 1. bis 3. Lehrjahr gliedern sich von einfach bis schwierig. Oftmals passiert es aber im Tagesgeschäft im Büro, dass von Auszubildenden mehr gefordert wird als der Stand des Ausbildungsplans gerade angibt. Entspricht dies einer Förderung eines Azubis oder gerät dies eher zu seinem Nachteil?
Wer in der Ausbildung viel mitkriegt und machen darf/muss, ist langfristig bestimmt im Vorteil. Wer aber neben dem Lernen noch Anerkennung bekommt, für den wird sicherlich der Grundstock gelegt für den Eifer und den Enthusiasmus im Beruf der ReFa/ReNo. Nichts verleidet Enthusiasmus und Ehrgeiz mehr als ständiges Gängeln, Niedermachen, Ausnutzen – aber ebenso auch "In-Watte-packen", um den Azubi nur zu schonen.
Wie? Tee wächst nicht an Bäumen?
Wer seine Ausbildung gerade beginnt, hat noch keine umfassende Lebens- und Berufserfahrung – sprich: ist ein junger Mensch. In diesem „Anfangsdelirium“ muss erst mal alles von Grund auf erklärt, systematisches Arbeiten - ohne dabei ein Büro in ein Trümmerfeld zu verwandeln - erst mal erlernt werden, ebenso Umgangsformen mit MitarbeiterInnen und Vorgesetzten. Wer hier schon als Ausbilder die Geduld verliert, versagt letztendlich. Das fördert nicht, sondern überfordert sofort alle Beteiligten. Das kann nicht der Grundstock für eine Lehre sein. Die Folge sind Berufsausbrecher und Anwälte ohne Fachkräfte.
Ein Coach und sein Schütze
Ich zeige Ihnen eine interessante Parallele zur Ausbildung, die Bogenschützen/-innen erhalten, die zu den im Sport technisch anspruchsvollsten Ausbildungen überhaupt gehört. Eine der Grundregeln besagt, dass ein einzustudierendes Element beim Bogenschießen, z. B. das Lösen des Pfeils, ca. 1.000 bis 2.000 Wiederholungen bedarf, bevor es „sitzt“, egal in welchem Alter sich der Schütze befindet. Erst wenn die Grundtechniken als Basis erarbeitet wurden, wird ein individueller Schießstil herausgearbeitet, ein guter Bogen und eine gute Ausrüstung angeschafft und das Zuggewicht erhöht.
Parallel dazu wird auf den ersten Wettkampf hingearbeitet, der sowohl psychisch als auch physisch vorbereitet wird – ähnlich der Zwischenprüfung. Hier kristallisiert sich bereits heraus, ob man einen mental starken oder eher ängstlichen Schützen vor sich hat. Der mental Starke wird sich schnell mit anderen messen wollen und trainiert wie verrückt.
Die häufigere Variante ist der eher ängstliche Typus, der schon beim bloßen Ansprechen der Prüfung/des Wettkampfes ein Problem zu erkennen meint. Beides muss ein Ausbilder/Trainer erkennen und in der Lage sein, den Schützling zum Erfolg zu führen – ohne ihn physisch und mental „auszubrennen“. Trainer, die nur mit Strenge und Forderungen agieren ohne Einfühlungsvermögen, werden langfristig keine Persönlichkeit bilden können, die Selbstbewusstsein für sich entwickeln darf.
Jeder Trainer/Ausbilder benötigt sicherlich mehr Geschick und Erfahrung als nur stupides Leistungsdenken. Die Grundregel besagt, dass die Ausbildung vom Anfänger zum Fortgeschrittenen 3 Jahre, vom Fortgeschrittenen zum Leistungsschützen nochmal 3 Jahre und vom Leistungs- zum Spitzenschützen im Bogensport ca. 5 Jahre dauert. Erinnert Sie das nicht an Ihre Ausbildung und die erst danach erlangte optimale Berufserfahrung?
Und wann hat jetzt der Azubi den Bogen raus?
Die Basis müssen auch hier die Grundelemente sein (Zahlungsverkehr, Aktenanlage, -ablage, einfache Schreiben, PC-Programme, Bedienung und Wartung von Geräten, Telefonannahme etc.). Die Kontrolle der Klassenarbeiten, Schulnoten, Problembesprechungen mit dem Ausbilder bezüglich Betrieb und Schule sind ebenfalls wichtig. Man glaubt es kaum, aber selbst in Berufsschulen wird gemobbt und laufen Erpressungen. Erfahrene Ausbilder erkennen solche Probleme.
Sind hier die Weichen als Basis nach ca. 9 Monaten gestellt, kann man vom Fördern langsam zum Fordern übergehen. Leistung entsteht einerseits durch Auffangen von Stress (z. B. schulische Probleme), zum anderen durch Erzeugen von positivem Stress, der fördert und fordert – ohne Stress keine Weiterentwicklung.
Die Aufgaben, die ein Azubi dann bekommt, müssen für ihn Herausforderung sein, aber auch lösbar, also etwas über dem gerade gegebenen Ausbildungsstand. Er muss dadurch lernen, selbstständig zu arbeiten, sich selber zu behelfen (z. B. Gesetzestexte lesen und richtig anwenden), teamfähig zu werden. Der Weg zur Lösung ist hier maßgebend und die Analyse, noch nicht das Ergebnis. Das richtige Ergebnis ist zum Abschluss der Lehre maßgebend.
Geben Sie dem Azubi ab und zu Aufgaben, die nicht zum Alltag gehören, z. B. Rechtsrecherchen ähnlich einem Referendar, Präsentationen etc. oder übertragen Sie ihm kleinere Teilbereiche (Einkäufe, Materialbeschaffung etc.) in eigener Verantwortung.
Denken Sie jetzt nicht…
…was soll ich noch alles machen? Soviel Zeit habe ich gar nicht. Sie müssen doch nicht nur hinter ihrem Azubi stehen. Aber nehmen Sie sich Zeit für ihn. Ihr Azubi wird es Ihnen bei seiner Abschlussprüfung danken und mit Respekt an Sie zurückdenken. Denken Sie daran, dass Sie es in der Hand haben, junge Menschen zu fördern. Und seien Sie stolz auf sich: Ihr Schützling spiegelt Ihr Können als AusbilderIn wider.
Immer jubeln!
In diesem Sinne
Martina Ortz, Anwalts- und Büroservice, Oberhausen
Mehr für ReNo-Azubis auf RENO-heute: Ausbildung »
zum Archiv »